6 Rituale, auf die ich als Lehrperson im Schulalltag nicht mehr verzichte.

Je länger ich unterrichte, desto mehr merke ich: Ein entspannter Schulalltag entsteht für mich nicht dadurch, dass ich jede Minute kontrolliere und noch mehr vorbereite. Eigentlich eher im Gegenteil.
Gerade als hochsensible Person nehme ich Stimmungen und Gruppendynamiken sehr fein wahr. Deshalb ist mir wichtig, einen klaren Rahmen zu schaffen und gleichzeitig Raum zu lassen – für mich und für die Kinder.
Diese sechs Dinge haben meinen Schulalltag über die Jahre deutlich leichter gemacht:

Ruhig starten – mit Lesen

Vor allem nach der grossen Pause hat sich ein ganz einfaches Ritual bewährt: Die Kinder kommen herein, setzen sich hin, nehmen ihr Buch und lesen. Manchmal läuft dazu leise, beruhigende Musik.Das nimmt Druck aus diesem ersten Moment. Ich muss nicht in der Sekunde, in der alle hereinkommen, vorne stehen und „funktionieren“, sondern kann erst einmal wahrnehmen: Wie ist die Stimmung heute? Wie sind die Kinder da? Und auch die Kinder dürfen erst einmal bei sich ankommen. Niemand muss sofort reden, mitlachen oder sich in die Gruppendynamik einfügen. Man darf einfach lesen. 

 

 

Ein gemeinsames Belohnungssystem

Rituale funktionieren für mich besonders gut, wenn sie einen sichtbaren Rahmen bekommen.  Wenn es der Klasse beispielsweise gelingt, ruhig anzukommen und zu lesen, kommt ein Stein in eine Vase. Ist sie voll, gibt es eine gemeinsame Belohnung – zum Beispiel ein selbstorganisiertes Klassenkino mit Film, Popcorn und Sirup.    

 

 

Den Kindern wirklich etwas zutrauen

Über die Jahre bin ich immer mehr von der permanent steuernden Lehrperson zur Beobachterin geworden.  Wenn eine Klasse bereit dafür ist, lasse ich die Kinder möglichst viel selbst gestalten. Sie können beispielsweise zu zweit eine kleine Vorführung oder ein Projekt planen und dabei ihre eigenen Interessen einbringen. Ich halte den Rahmen – aber ich muss nicht jeden Schritt vorgeben.  Das stärkt die Selbstwirksamkeit der Kinder und entlastet gleichzeitig mich. Denn je mehr Verantwortung Kinder selbst übernehmen können, desto weniger muss ich als Lehrperson permanent tragen.

 

Mit dem Zahlenbarometer einchecken    

Ein Ritual, das ich besonders wertvoll finde, ist der Zahlenbarometer. Wo stehe ich heute auf einer Skala von 0 bis 10? Jede Zahl ist erlaubt, auch eine 0. Wer möchte, darf zusätzlich einen einzigen Satz sagen: „Heute bin ich bei einer 3, weil ich schlecht geschlafen habe.“ Und dann kommt die eigentliche Challenge: Wir kommentieren nicht. Wir lernen, die Aussageeines anderen Menschen einfach stehen zu lassen.

 

 

Für mich ist es ausserdem eine wunderbare Möglichkeit, ein Gefühl dafür zu bekommen, wie die Klasse an diesem Tag da ist.  

Den Visualizer als stillen Rahmen nutzen

So viel wie möglich mache ich vorne sichtbar. Auf dem Visualizer kann zum Beispiel schon stehen:  Setze dich an deinen Platz und lies in deinem Buch. 
Um 10:15 Uhr sind alle bereit. Dazu können das Programm, die gewünschte Lautstärke, Arbeitsaufträge oder kleine Reminder kommen.  Das klingt banal, hat sich für mich aber enorm bewährt. Die Kinder müssen nicht für jede Information auf mich warten und ich muss nicht alles fünfmal wiederholen. Sie können selbst nachschauen, was gerade gilt. Auch hier entsteht wieder: mehr Orientierung und mehr Selbstverantwortung.

Den Raum bewusst nutzen

Ich glaube, eine meiner Stärken ist, dass ich Gruppenstimmungen und zwischenmenschliche Dynamiken relativ fein wahrnehme – wobei natürlich auch diese Wahrnehmung immer subjektiv ist.  Und ich habe gelernt: Manchmal liegt erstaunlich viel Qualität darin, wie Menschen in einem Raum verteilt sind. Wenn alles zu nah aufeinander ist, muss ich nicht immer noch mehr reden, ermahnen oder eingreifen. Manchmal verändere ich schlicht die Sitzordnung. Ich setze Kinder auseinander, manchmal auch mit Bestimmtheit. In anderen Situationen dürfen sie selbst wählen. Wenn es passt, dürfen einzelne Kinder oder kleine Gruppen auch im Gruppenraum arbeiten. Das entlastet die Klasse und mich – und fördert gleichzeitig wieder die Selbstverantwortung.  Eine Sitzordnung muss für mich deshalb nicht in Stein gemeisselt sein. Ich darf beobachten, ausprobieren und verändern. Weniger steuern, mehr Raum geben

 

Wenn ich diese sechs Dinge anschaue, haben sie eigentlich alle etwas gemeinsam:

Ich versuche nicht, immer mehr zu kontrollieren, sondern klare Rahmen zu schaffen, in denen Kinder zunehmend selbstständig sein können. Ich darf beobachten. Ich darf wahrnehmen. Ich darf Verantwortung abgeben. Und vielleicht ist genau das etwas, was meinen Schulalltag über die Jahre am meisten erleichtert hat: weniger alles selbst tragen zu müssen – und den Kindern gleichzeitig mehr zuzutrauen. ♡

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